Mother

Es ist ein Krimi, folglich gibt es eine Leiche. Aber nicht am Anfang – viel mehr beginnt es einer alten Frau, die auf einer Wiese tanzt. Traurig sieht das aus und leicht betrunken. Dann folgt der Schnitt und wir lernen den Sohn der Frau kennen, Do-joon, einen geistig behinderten Jungen. Und der Film lässt sich die Zeit die beiden einzuführen, sie uns näher zu bringen – etwa die Überbesorgnis der Mutter, oder Do-joons Freund, einen coolen Typen, der sich zwar um ihn kümmert, ihn aber gleichzeitig auch als Sündenbock benutzt, als er den Spiegel eines Mercedes abtritt.

Schließlich gibt es dann auch die Leiche. Ein Mädchen wird erschlagen und alle Spuren weisen auf Do-joon als Täter. Aber seine Mutter will nicht daran glauben, beschuldigt die Polizei ihren Sohn als Sündenbock zu benutzen und zieht schließlich selbst los, um den wahren Täter zu finden.

Auch wenn die eigentliche Handlung also ein Krimi ist, der Film reicht weiter. So wird auch die Problematik behinderter Menschen und ihrer Angehörigen gezeigt – die Diskriminierung und die Überforderung. Und diese wird schauspielerisch auch noch gut vermittelt. Überhaupt ist das künstlerische Niveau des Films sehr hoch. Die Aufnahmen sind gekonnt, die Musik passend. Dabei drängt sich aber keines der Elemente in den Vordergrund – der Film bleibt unaufgeregt und wird gerade dadurch gut.

Freilich kann es dem ein oder anderen auch zu ruhig sein. Wer große Action sucht, Gewalt und Verfolgungsjagden, der wird enttäuscht werden. Aber allen anderen sei dieser Film herzlichst empfohlen als (meiner Meinung nachüberlegene) Alternative zu Tatort und Co.

 

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Cormac McCarthy: No country for old men

Manch einer wird die Verfilmung der Coen-Brüder kennen – für die anderen sei die Handlung kurz umrissen: Der Schweißer und Hobbyjäger Llewellyn Moss findet bei einem seiner Jagdausflüge in der texanischen Wüste ein Schlachtfeld des Drogenkrieges. Ein Geschäft ist geplatzt, die Teilnehmer liegen tot bei ihren Wagen, nur einen Mann findet Moss weiter entfernt und bei ihm 2,4 Millionen Dollar in einem Koffer. Er nimmt das Geld und geht nach Hause. Nachts jedoch kehrt er zurück, um dem einzigen Überlebenden der Schießerei, der verletzt in einem Truck auf sein Ende wartet, Wasser zu bringen. Dabei begegnet er jedoch weiteren Männern von einer der beiden Geschäftsparteien. Seine Wagennummer ist nun bekannt und auch sein Name. Von nun an ist er auf der Flucht – hauptsächlich vor dem Killer Chigurh.

Und diese Figur ist es, die der Geschichte einen Großteil ihres Reizes verleiht – ein Psychopath, der keine Feinde hat, weil niemand der ihn kennt lange genug überlebt, ein Mann mit einer eigenen Vorstellung von Moral und Schicksal, der auf perfide Weise seine Opfer selbst verantwortlich macht für ihren Tod: Sie hätten einst einen Weg in ihrem Leben eingeschlagen, der sie bis zu ihm geführt habe. Ein Serienmörder, der, in seiner Undurchschaubarkeit, auch Hannibal Lecter überragt.

Neben den Theorien Chigurhs tragen noch die Tagebucheinträge und Ansichten des Sheriffs Bell dazu bei, dieses Buch über das Niveau einen normalen Western zu heben. Er verfolgt Chigurh und sieht sich dabei einer Gewaltserien gegenüber, der er nicht gewachsen ist. Er ist einer der alten Männer, die nicht mehr Schritt halten können und wollen, mit einer Entwicklung weg vom Menschlichen, weg vom Respekt vor dem Einzelnen und dem Leben.

Zusätzlich zu der spannenden Handlung, den Charakteren und den philosophischen Einlagen macht die Sprache dieses Buch lesenswert. Mc Carthy verwendet einen nüchtern, verknappten Stil – eine fast vollständige Reduzierung auf das Sichtbare, fast ohne Kommentare oder Deutungen des Erzählers. Dazu kommen die herrlich kargen und realistischen Dialoge. Ein sprachliches Meisterwerk.

Ein Grund noch, weshalb die Lektüre lohnt: Man kann danach ermessen wie gut die Verfilmung der Coen-Brüder ist. Sie haben die Kargheit und die Gewalt fast eins zu eins in ihr Medium übertragen. Und so sind Buch wie Film absolut empfehlenswert.

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Antichrist

Sie schlafen mit einander. Vater und Mutter – das ganze in schwarz-weiß und Zeitlupe. Man sieht das Kind erwachen. Es öffnet sein Gitterbett, sucht die Eltern findet sie. Für einen Augenblick hält es inne, dann wendet es sich ab, öffnet das Fenster, steigt auf das Fensterbrett und springt – fällt. Immer noch Zeitlupe, immer noch schwarz-weiß. Seine Haare werden nach oben geweht, während es langsam an Schneeflocken vorbeifällt. Das Kind schlägt auf, doch man sieht nur den Teddybär, seinen Aufprall im Schnee. So beginnt Lars von Triers Antichrist und schon jetzt wird klar, das ist kein normaler Film, kein Unterhaltungsstreifen für den netten Abend, das ist Kunst in ihrer brutalen Form. Daher ist dieses Werk auch nicht generell zu empfehlen. Vielmehr sollte sich jeder, der den Film sehen will, darüber klar seien, dass die ab 18 Einteilung mehr als gerechtfertigt ist, nicht nur aufgrund der gezeigten Bilder, sondern auch wegen der Atmosphäre, die sich weitbeklemmender gestaltet als in jedem Horrorfilm.

Handlungstechnisch geht es weiter mit dem atypischen Trauermuster der Mutter: Sie kommt in psychiatrische Behandlung. Doch ihr Mann, selbst Therapeut, holt sie aus der Klinik, da er die Ansichten des Arztes für falsch hält und lieber selbst die Therapie versuchen will. Ein Fehler – man therapiert nicht seine eigenen Angehörigen.

Neben Weinkrämpfen verfällt die Frau nun auch in Panikzustände und Aggression: Sie schlägt sich ihre Stirn an der Kloschüssel blutig. Um sie zu heilen, bringt ihr Mann sie an jenen Ort, vor dem sie sich am meisten fürchtet, nach Eden – ein Waldgebiet, in dem sie einem Sommer mit ihrem Sohn verbracht hat. Hier soll sie sich ihren Ängsten stellen und sie überwinden. Mehr soll hier zum Inhalt nicht verraten werden.

Künstlerisch gehört dieser Film zu den besten.  Von Trier findet einen beklemmende, zuweilen schockierende Bildersprache. Mit dem Fortschreiten der Handlung wächst die Beklemmung beim Zuschauer und hält sich auch nach dem Ende noch lange. Meisterhaft eingefangen wird die Natur -  sei es in der ersten Andeutung des Themas in Form einer Vase mit Bambus im Krankenhaus oder später in Eden. Hier wird sie noch einmal vorgeführt als das, was sie eigentlich ist, ein grausamer Raum, jenseits des humanen. Und diese Natur bildet auch ein Teil des Menschen.

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Milan Kundera – Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Ein philosophischer Roman – so lässt er sich beschreiben, und ist doch mehr: ein Liebesroman, ein Roman über das Leben von vier Menschen. Den Anfang macht Nietzsches Idee der ewigen Wiederkehr – die Geschichte wiederholt sich ins Unendliche und mit ihr das Leben der Menschen. Von diesem „Mythos“ ausgehend entwirft Kundera die Leichtigkeit des Seins, denn, wenn das Leben nur einmal stattfindet und sich nicht wiederholt, ist es beliebig und ohne Bedeutung. Soweit einer der vielen guten Gedanken des Buches, doch die wahre Kunst dahinter ist, dass es Kundera gelingt diese Gedanken auf seine Figuren zu projizieren, sie gleichsam daraus zu schöpfen. Tomas etwa, der Frauenheld mit seinen vielen Liebschaften, steht vor der Frage, ob er diese Leichtigkeit des Seins, diese Ungebundenheit aufgeben soll für Teresa, die ihn liebt und die eifersüchtig ist. Dieser Konflikt durchzieht das ganze Buch. Und weitere Gedanken und Übertragungen schließen sich an und weben einen Romankosmos, wie man ihn selten findet. Ein Buch also, das ich wärmstens empfehle.

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Gabriel Garcia Marquez: Laubsturm

Jemand stirbt und auf einmal ist alles anders. Was anders ist und warum, das bildet den Stoff von Marquez ersten Roman “Laubsturm”, den er bereits mit 19 Jahren schrieb.

Bei dem Gestorbenen handelt es sich um einen ehemaligen Arzt, der seit Jahren eingeschlossen in einer Hütte in Macando lebt. Von ihm ausgehend spinnt sich das Geflecht aus Erinnerungen und Reflexionen, das von drei Personen: einem Jungen, seiner Mutter, seinem Großvater, gewoben den Inhalt des Romans bildet. Es ist ein Wahrnehmen des Toten, direkt und unverstellt durch Erinnerungen wie es der Junge erlebt, oder verbunden mit den unzähligen Berührungspunkten im eigenen Leben, wie es der Großvater erinnert. Stück für Stück wird so das Bild eines Mannes entworfen, der eines Tages im Haus des Großvaters erscheint und beim Essen um Gras als Speise bittet. Es wird geschildert wie er den Hass des Dorfes auf sich zog und weshalb es nun ein Wagnis ist, ihn zu beerdigen.

Man kann sich wunderbar verlieren in diesem Buch. Marquez gelingt es schon in seinem Erstling eine Welt von “magischer Realtität” zu entwerfen – alles ist scheinbar neu und übergroß dargestellt, alles schillert von Farben und scheint doch wie mit einer Kamera festgehalten. Ein kleines Buch auf dem Weg zur Größe – umbedingt empfehlenswert.

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Oldboy

Rache - ein archaisches Gefühl, ein Gefühl jenseits der interlektuellen Kontrolle und folglich sehr ergiebig für die Kunst, den Film. Es ist einfach eine Handlung über einen Rächer aufzubauen, einfach Wirkung zu erzielen. Denn letztlich bedient Rache das Bedürfnis des Menschen nach Gerechtigkeit. Die zweite Ebene bildet freilich die Möglichkeiten zu exessiver Gewalt, zu Schießereien und Zerstörung, die sich mit der Rache, besonders im Film verbindet. Bedauerlicherweise verkommen viele Werke ganz zu Gewaltpornos, bedienen allein die, vor allem männliche, Nachfrage nach Blut.

Ein Gegenbeispiel dafür findet sich in “Oldboy” – gedreht von Park Chan-Wook gibt es freilich auch hier Gewalt, bis hin zu schwer erträglichen Folterszenen, aber die Handlung bleibt hier nicht Vorwand, sondern wird zum Hauptträger des Films. Oh Dae-su der Protagonist des Films wird eines Abends betrunken auf offener Straße entführt und muss die folgenden 15 Jahre gefangen in einer Zelle verbringen. Den Grund erfährt er und mit ihm der Zuschauer nicht – allein ein schwacher Hinweis darauf, dass er kein allzu guter Mensch, ein Trinker und Macho ist, wird gegeben. In der Einsamkeit beschließt er, sollte er frei kommen, an seinen Schändern Rache zu nehmen.  Er beginnt sich zu trainieren, und gräbt gleichzeitig einen Fluchttunnel durch die Wand. Gerade als er die Außenmauer mehrere Meter über dem Boden durchstößt und seine Flucht nun doch unmöglich scheint, wird er betäubt und erwacht auf dem Dach eines Hochhauses. Er ist frei – aber nur im räumlichen Sinne. Seine Rache bestimmt ihn. Nur mit der Erinnerung an den Geschmack der Teigtaschen, die er in seiner Gefangenschaft täglich zu essen bekam, als Anhaltspunkt sucht er seine Peiniger …

Es ist eine spannende Jagd, die sich anschließt, packendund filmerisch großartig umgesetzt. Nach und nach erfährt Oh Dae-su und mit ihm der Zuschauer mehr über die Hintergründe seiner Gefangenschaft – und wird am Ende doch überrascht.

Abschließend lässt sich sagen: ein wunderbarer Film, aber man muss bereit sein auch Folterszenen (etwa das Ausbrechen von Zähnen mit einem Hammer zu ertragen). Ist man dazu bereit erwartet einen das Werk eines Regisseurs, der weißt wie man eine Geschichte in Bilder einfängt.

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Warten auf Godot



Wohnzimmer. A sitzt in einem Ohrensessel. Ließt in einem Taschenbuch. Tee dampft in einer Tasse auf einem Beistelltisch. B etwas abseits am Fenster

B: Darf ich fragen, was sie lesen.

A: „Warten auf Godot“

B: Sagt mir nichts.

A: Von Samuel Beckett.

B: Das schon eher.

A: Immerhin. – Da Ihnen dieses durchaus bedeutende Werk nun nicht bekannt ist, will ich es Ihnen vorstellen. Vielleicht lesen Sie es dann ja.

B: Die wichtigste Frage zu erst: Prosa oder Drama – nach Lyrik brauch ich bei Ihnen ja nicht zu fragen.

A: Das Letztere und modern noch dazu – vor allem aber absurd.

B: Demnach keine große Fabel; kaum bis keine Entwicklung.

A: Ja, die äußere Handlung ist schnell abgetan. Zwei Männer, Wladimir und Estragon, …

B: Komische Namen.

A: … warten auf Godot und schlagen, während dieser nicht kommt, die Zeit tot. Später taucht noch ein gewisser Pozzo mit seinem Sklaven Lucky auf, aber auch diese beiden bringen kaum etwas wie Action ins Spiel.

B: Noch eine Frage: Taucht dieser Godot überhaupt auf? Was ich so vom absurden Drama kenne, ist es verflucht pessimistisch.

A: Nana, nehmen Sie doch das Ende nicht vor weg. Aber mit dem Pessimismus haben sie recht. Wladimir und Estragon sind zwei Gescheiterte. Sie kennen keinen Sinn im Leben, das für sie eigentlich nur Leiden ist. Mehrfach sprechen sie von Selbstmord und ihr Plan, sich an einer Weide aufzuknüpfen, scheitert nur am fehlenden Strick. Auch sonst sieht es düster aus. So erblindet Pozzo und Lucky wird stumm. Und alle vergessen sie, dass sie schon einmal da saßen und auf Godot warteten, alle bis auf Wladimir – der Unglückliche kennt die Vergangenheit nicht und auch das Absurde kennt keine Uhr.

B: Schauerlich wie gewohnt und dazu noch keine Handlung. Weshalb sollte man Ihrer Meinung nach „Warten auf Godot“ überhaupt lesen?

A: Zum einen sind die Dialoge der Gescheiterten zuweilen tragisch-komisch, zum anderen wird hier eine Verfassung dargestellt, die doch die meisten von uns kennen – wenn auch nicht unbedingt in dieser extremen Form: Das Gefühl der Sinnleere und das Warten auf den einen Moment, der alles verändert oder auf den Tod.

B: Das „Warten auf Godot.“

A: Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

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Sartre:Bariona oder der Gott des Donners

Zwar ist Weihnachten noch weit, aber ich möchte heute dennoch ein Weihnachtsspiel vorstellen: Sartres „Bariona oder Der Sohn des Donners“. Das hat zwei Gründe: Zum einen habe ich es gerade gelesen, zum anderen steckt in diesem Stück weit mehr als nur die Begebenheit das Christus geboren wird. So tritt er selbst nie auf und auch Maria und Joseph erscheinen nicht – von ihnen wird nur gesprochen und erzählt. Und auch das eigentliche Thema des Stückes ist weniger Jesus Geburt als vielmehr die Geburt im Allgemeinen und letztlich die Frage, ob man Kinder gebären darf.

Zu Beginn will Bariona als Vorsteher seines Dorfes Bethsur, eines Dorfes, das schon lange an der Herrschaft der Römer, der Abwanderung in die Städte stirbt, als Protest gegen die Steuererhöhung durch die Römer seinen Leuten verbieten Kinder zu zeugen – eine radikale Art des passiven Widerstandes, begründet auch aus dem Bewusstsein, dass alles Leben nur Leiden sei und es unverantwortlich wäre dieses noch zu verlängern, indem man Nachkommen gebäre. Selbst durch die Schwangerschaft seiner Frau lässt er sich nicht abhalten.

Als nun die Kunde von Christi Geburt das Dorf erreicht glaubt er als einziger nicht an den Messias und bleibt allein zurück, als die anderen zum Stall ziehen. Aus dem Wunsch heraus, seine Menschen vor dem Joch eines vergebenden und nicht strafenden Messias zu befreien, zieht er los, um Jesus zu töten.

Vom Inhalt soll hier nun nichts weiter verraten werden, vielmehr möchte ich noch hervorheben, dass Sartre in diesem Stück, das er in der Kriegsgefangenschaft in Gemeinschaft mit Leidensgenossen für das Weihnachtsfest 1940 schrieb, elementare Überlegungen und Meinungen zur Nachkommenschaft liefert und auch eine interessante Interpretation zu Jesus Botschaft entwirft – beides auch jetzt im Sommer zu genießen. Und wer doch kein Weihnachtsstück am See lesen will, dem sei es empfohlen zur Winterzeit.

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Alice im Wunderland

„Ab mit ihrem Köpfen.“ Nach diesem Wahlspruch lebt die rote Königen, fröhlich die Sitten des Absolutismus pflegende, wie etwa maßlose Selbstüberhebung, seit sie ihrer Schwester mit Hilfe des Jabberwockys, einem Drachen, die Krone entrissen. Freilich bleibt es nicht bei dieser fröhlichen Alleinherrschaft, denn Alice fällt nun mal in den Kaninchenbau und wird sogleich in die Rolle der Heldin gezwängt – sie soll den Jabberwocky erschlagen wie es das Kompendium weissagt. Zu erst bestehen jedoch noch Zweifel, ob sie überhaupt die richtige Alice ist. Während diese Frage noch nicht entschieden ist, muss Alice bereits vor den Häscher der roten König fliehen, mal geschrumpft und mal vergrößert, je nach bedarf und Art des Zaubermittels. So versteckt sie sich einmal in einer Teekanne und überragt später alle um sie her, bis sie schließlich wieder ihre normale Größe hat. Bei ihrer Reise begegnen ihr so verschiedene Charaktere, wie das Kaninchen mit der Uhr, die Grinsekatze (Garfield lässt grüßen) und der Hutmacher, welcher, von Johnny Depp gespielt, zum wichtigsten Leitstern der Reise wird – sie will ihnen retten, da er sich geopfert hat, um sie vor der roten Königin zu bewahren. Dabei gewinnt sie dann ihr „Mehrsein“ zurück und gleicht immer mehr der ursprünglichen Alice. Letztlich kommt es dann zum großen Kampf mit dem Jabberwocky. Das Ende kann man sich denken.

Insgesamt kann man Tim Burton nur loben für den Ideenreichtum seiner Bilder, wobei ich nicht beurteilen kann wie weit das zugrunde liegende Buch eine Hilfe war. Aber die Pracht der Bilder bleibt im jeden Fall die gleiche. Auch Johnny Depp beweißt mal wieder seine Qualitäten als leicht melancholischer, leicht verrückter Hutmacher. Letztlich schade bleibt allein, dass Tim Burton nicht das gleiche Maß an Atmosphäre gelingt wie in „Sweeny Todd“.

Alles im allen: Nette Unterhaltung – sehenswert.

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Über die Zweifel des Schriftstellers

B: Und wieder ist ein Tag verloren. Draußen versinkt die Welt in Regen und Trübsal und hier drinnen fühlt man sich wie im sprichwörtlichen Käfig.

A: Nun übertreiben Sie nicht. Es gibt doch weiß Gott genug Dinge zu tun. Zum Beispiel wartet Ihre Ausgabe des „Idioten“ noch immer darauf von Ihnen gelesen zu werden.

B: Dostojewski bei dem Wetter?

A: Dann eben Böll, die Brüder Mann, Hesse, Tolstoi, Pamuk. Suchen Sie sich doch einen aus. Meinetwegen auch einen Unterhaltungsschriftsteller, die ja teilweise gar nicht so schlecht sind, wie sie von manchen gemacht werden.

B: Man kann doch nicht nur lesen.

A: Bemühen Sie doch den Fernseher, wenn es so schlimm um Sie steht. Oder, falls sie doch lieber produktiv sein möchten, arbeiten Sie.

B: Am Wochenende?

A: Warum denn nicht? Endlich ist man befreit von den lästigen Pflichten des Werktages und hat zwei Tage Zeit sich den wirklich wichtigen Arbeiten zuzuwenden.

B: Arbeiten? Sie haben gut reden, Sie lesen ja. Unverständlich, wie sie das den ganzen Tag durchhalten.

A: Mitnichten. Ich lese nicht, ich arbeite.

B: Seit wann sehen sie ihre Lektüre denn so negativ.

A: Das war doch keine Wertung. Wenn ich arbeiten sage, so meine ich, dass ich nicht bloß zum Vergnügen lese, auch nicht um meinen Horizont zu erweitern oder dergleichen, sondern um Produktiv zu sein. Oder ein wenig anders ausgedrückt: Ich zweifle an mir selbst.

B: Wie das?

A: Die Blätter, die ich lese, stammen von mir – es ist eine meiner Geschichten. Ich verbessere sie.

B: Gut, dass Korrektur Arbeit ist sehe ich ein. Den Mythos vom Schriftsteller als göttliches Mundstück habe ich eh nie geglaubt. Aber weshalb Selbstzweifel?

A: Aber Sie haben es doch beinahe erfasst.

B: Und sehe doch zu viele Bäume.

A: Nun, dann will ich ihnen den Wald einmal zeigen. Da Sie die Idee des Naturgenie des Autoren bereits als die romantische Verklärung erkannt haben, die sie ist, wird es nicht allzu schwer sein, Ihnen das Folgende begreiflich zu machen. Wenn ein Schriftsteller seine Erstfassung geschrieben hat, sich also durch all die Schwierigkeiten der Komposition, Charaktergestaltung, Sprache, Erzählweise und so weiter gequält hat, und sich dann noch einmal hinsetzt und Sätze, Szenen, ja ganze Absätze umarbeitet, streicht, neuschreibt, dann hat das alles nur einen Grund: er traut sich selbst nicht, er glaubt nicht an die Größe seines Werkes – jedenfalls nicht vollkommen.

B: Sie meinen er findet seine eigenen Geschichten schlecht?

A: Einfach gesagt: ja.

B: Aber wenn ich einen Autor frage, ob er seine Bücher gut findet, dann wird er mir doch nicht sagen: Nein, die sind grottenschlecht.

A: Nur nicht zu schnell, ich habe nicht von seinen Büchern geredet – obwohl es auch da sicher welche gibt, die ihre Eigenproduktion, jedenfalls in Teilen, nicht mögen; die Korrekturen in späteren Ausgaben sprechen dafür – sondern von der Erstfassung und auch sonst allen Fassungen vor der Veröffentlichung. Da ist es so, dass man immer wieder schlechte Formulierungen findet, blasse Charaktere, platte Dialoge oder auch ganz und gar Unverständliches, das man selbst eben nur versteht, weil man den Gedanken, das Bild bereits im Kopf hat. Man ließt ein Kapitel und stellt fest, dass man es komplett streichen kann – es trägt nicht zur Entwicklung bei, sei es die eines Charakters oder der Handlung.

B: Gut, ich verstehe den Unterschied zwischen Veröffentlichungen und früheren Fassungen. Aber warum müssen es gerade Selbstzweifel sein und nicht einfach bloßes Kalkül, eine objektive Bewertung?

A: Weil der Mensch nicht objektiv sein kein; am wenigsten bei seinen eigenen Schöpfungen. Erst die Zweifel gewähren einen Blick, der halbwegs zur Korrektur geeignet ist.

B: Als Resümee: Der Schriftsteller muss an sich selbst zweifeln, damit er all die Fehler und Unzulänglichkeiten aus den ersten Fassungen seiner Werke erkennen und ausmerzen kann.

A: Richtig.

B: Und der Selbstzweifel wird somit zu einer der wichtigsten Eigenschaften des Schriftstellers.

A: Die Wichtigste überhaupt – jedenfalls was das Handwerk angeht. Um es Ihnen verständlich zu machen: Thomas Mann hat in seiner Erzählung „Schwere Stunde“ das Talent einmal so beschrieben: „Das Talent ist nichts Leichtes, nichts Tändelndes, es ist nicht ohne weiteres ein Können. In der Wurzel ist es ein Bedürfnis, ein kritisches Wissen um das Ideal, eine Ungenügsamkeit, die sich ihr Können nicht ohne Qual erst schafft und steigert.“

B: Ah, das Wissen um das Ideal sind ihre Selbstzweifel und sein Handwerkszeug erarbeitet man sich durch die ständige Selbstkritik. Man probiert aus, bewertet, macht es neu und hoffentlich besser, bis man irgendwann einen gewissen Grad an Meisterschaft erreicht hat.

A: Exakt. Das Handwerk des Schreibens, all die Kniffe und Tricks, das wie es gemacht wird lässt sich nur über den Weg des Zweifels lernen. Den Rest freilich, das Geheimnis, welches das Geniewerk vom Durchschnittsbuch unterscheidet, kann man nicht lernen, doch auf ein mittleres Niveau sollte es eigentlich jeder schaffen können. Aber da wir gerade dabei sind, sollten wir auch einmal von der negativen Seite der Zweifel reden.

B: Negativ? Bisher haben sie doch den Zweifeln beständig das Wort geführt.

A: Die Medaille hat …

B: … zwei Seiten, ich weiß.

A: Also das Problem lässt sich am besten an einem Beispiel umreißen. Haben sie schon mal an sich selbst gezweifelt?

B: Natürlich.

A: In der Schule?

B: Ja.

A: Gut, das ist anschaulich. Nehmen wir einmal an Sie sind in einem Fach ein Dreier-Schüler und nehmen sich nun vor im nächsten Schuljahr eine Zwei zu schaffen. Sie lernen viel, sind fleißig, sind von sich selbst überzeugt. Dann kommt die erste Schulaufgabe und Sie schreiben statt einer Zwei eine Fünf – ich mache das Beispiel absichtlich ein wenig extrem. Wie fühlen sie sich?

B: Schlecht vermutlich.

A: Natürlich. Und glauben Sie weiter an ihr Ziel, die Zwei im Zeugnis?

B: Wohl eher nicht.

A: Und werden Sie dennoch nicht aufgeben, sondern dran bleiben und weiterhin lernen?

B: Fraglich.

A: Genau da haben wir es. Sie zweifeln an sich selbst und anstatt weiter zu machen, geben sie auf. Genau das ist auch die Gefahr, die sich der Schriftsteller gegenüber sieht: Werden die Zweifel zu groß, das Vertrauen in sich selbst zu klein, kann es dazu kommen, dass man überhaupt nicht mehr an sich glaubt und die Sache hinschmeißt. Dann sind Zweifel nicht mehr produktiv, sondern lähmend. Mit dem Problem setzt sich Thomas Mann übrigens im „Dr. Faustus“ auseinander.

B: Die fehlende halbe Flasche Champagner.

A: Sie haben die Stelle also behalten.

B: Um mein Resümee also zu vervollständigen: Die Zweifel am eigenen Werk sind nötig für den Schriftsteller, um zum einen das Handwerk überhaupt erst zu lernen und um nachher seine Geschichten von Fehlern zu befreien und sich weiter zu entwickeln. Die Gefahr dabei ist, dass die Zweifel überhand nehmen können und lähmend wirken.

A: Ja. Und zum Abschluss noch die Überlegung: Ob nicht die Zweifel und die Auseinandersetzung mit dem Werk, nicht die Sache ist, auf die der Schriftsteller allein stolz sein kann? Denn was wäre großartig daran, wenn ihm einfach alles zu flöße und er eben nicht mehr wäre als Mundstück Gottes?

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